Kommunalfinanzen Loch
Autoindustrie-Krise reißt gewaltiges Loch in Kommunalfinanzen
Massive Investitionen in E-Mobilität, Absatzflauten in China, geopolitische Risiken – die Autoindustrie schwächelt und mit ihr bricht eine der wichtigsten Einnahmequellen unserer Städte weg:
die Gewerbesteuer.
Deutschlands kommunale Kassen stehen vor einer Zitterpartie, denn wenn Konzerne wie Mercedes und Porsche weniger Gewinne machen, klingeln in den Rathäusern die Alarmglocken.
Bereits jetzt zeigt sich am Beispiel von Stuttgart und anderen Städten, wie stark die Wirtschaftskrise auf die öffentlichen Finanzen durchschlägt.
Im Folgenden beleuchten wir, was der Gewerbesteuer-Einbruch für deinen Wohnort bedeutet, mit welchem drastischen Rückgang Baden-Württemberg aktuell kämpft und warum die Gewerbesteuereinnahmen wohl bald bundesweit sinken werden.
Kommunale Kassen unter Druck: Was der Gewerbesteuer-Einbruch für deinen Wohnort bedeutet
Wenn die Gewinne der großen Arbeitgeber einbrechen, geraten auch die kommunalen Steuereinnahmen ins Straucheln. In Autostädten wie Stuttgart führt der Gewinneinbruch bei Mercedes & Co. direkt zu geringeren Gewerbesteuerzahlungen – ein Schock für die Stadtkasse.
Die Gewerbesteuer ist für viele Städte die wichtigste Einnahmequelle.
Dementsprechend schmerzhaft wirkt sich eine Wirtschaftskrise lokal aus. Stuttgart – Heimat von Mercedes-Benz und Porsche – bekommt das deutlich zu spüren. Dort brechen die Gewerbesteuereinnahmen aus der Autoindustrie um nahezu die Hälfte ein.
Konkret musste die Stadt ihre erwarteten Gewerbesteuereinnahmen für 2025 von ursprünglich etwa 1,2 Milliarden Euro auf nur noch 850 Millionen Euro nach unten korrigieren. Diese drastische Prognosesenkung zwang den Gemeinderat bereits zu einem Nachtragshaushalt, um auf die wegbrechenden Einnahmen zu reagieren.
In der Praxis bedeutet das: weniger finanzieller Spielraum für städtische Projekte, mögliche Ausgabenkürzungen und ein kritischeres Auge auf jede Ausgabe.
Und nicht nur die Landeshauptstadt ist betroffen. Auch mittelgroße Städte spüren den Einbruch.
Ein Beispiel ist Böblingen in der Stuttgarter Region: Statt der ursprünglich veranschlagten 140 Millionen Euro rechnet Böblingen jetzt nur noch mit 118 Millionen Euro Gewerbesteuer – ein Minus von rund 22 Millionen Euro.
Laut Kämmerer wird diese Lücke im Haushalt deutlich spürbar sein. Solche Einbußen bedeuten für die Bürger vor Ort möglicherweise Einschnitte bei freiwilligen Leistungen der Kommune oder den Ausbau der Infrastruktur. Kurz gesagt: Wenn die lokale Wirtschaft hustet, bekommen Städte und Gemeinden einen Finanzinfarkt.
Baden-Württemberg spürt die Krise: Gewerbesteuer bricht drastisch ein
Dass die Automobilkrise Baden-Württemberg besonders hart trifft, lässt sich an den Zahlen ablesen. Im Südwesten stammen fast 47 % der kommunalen Steuereinnahmen aus der Gewerbesteuer – ein Wert, der die enorme Abhängigkeit von Unternehmensgewinnen zeigt.
Schon im vergangenen Jahr 2024 gingen die Gewerbesteuer-Einnahmen landesweit um 5,3 % zurück (netto, nach Abzug der Umlagen).
Besonders drastisch war der Rückgang in den Stadtkreisen, also den großen Städten: Dort brach das Gewerbesteuer-Aufkommen 2024 um über 10 % ein.
Dieser Einbruch wird auf breiter Front spürbar, denn die Gewerbesteuer machte zuvor mehr als die Hälfte des gesamten Steueraufkommens in den Städten aus. Für die Kommunen im „Ländle“ bedeutet das: weniger Geld für Schulen, Schwimmbäder, Straßensanierung und Co., sofern keine Ausgleichszahlungen oder neuen Einnahmequellen gefunden werden.
Gerade die Autohochburg Stuttgart illustriert Baden-Württembergs Dilemma. Die beiden größten Steuerzahler der Region – Mercedes-Benz und Porsche – melden enorme Gewinneinbrüche. Bei Mercedes sackte der Gewinn um 43 % ab, bei Porsche um 40 %.
Diese Verluste bei den Unternehmen führen unmittelbar zu geringeren Steuerzahlungen an die Stadtkasse. Steuerexperten betonen, dass Stuttgart als Herz der deutschen Automobilindustrie besonders anfällig ist: Kaum eine andere Region hängt derart am Tropf einer einzelnen Branche.
Entsprechend reißt die Krise hier ein gewaltiges Loch in den Haushalt.
Selbst Zulieferer und kleinere Betriebe der Wertschöpfungskette kämpfen mit Problemen, was den Steuerausfall weiter verschärft.
Baden-Württembergs Finanzminister und kommunale Spitzenverbände schlagen daher Alarm: Die Gewerbesteuer-Quellen, aus denen das Land jahrelang geschöpft hat, drohen vorläufig zu versiegen.
Ohne Gegenmaßnahmen – etwa neue Ansiedlungen, Diversifizierung der Wirtschaft oder finanzielle Hilfen – geraten kommunale Zukunftsinvestitionen ins Wanken.
Bundesweiter Trend: Warum die Gewerbesteuern bald sinken werden
Die angespannte Lage ist kein rein süddeutsches Phänomen. Bundesweit deuten Prognosen auf rückläufige Gewerbesteuereinnahmen hin. Der Arbeitskreis Steuerschätzung der Bundesregierung erwartet für 2025 einen leichten Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen um ca. 0,8 %.
Das mag auf den ersten Blick moderat klingen, ist aber bemerkenswert, da gleichzeitig ein deutlicher Einbruch der Unternehmensgewinne prognostiziert ist – etwa -10 % bei der Körperschaftsteuer (die Steuer auf Unternehmensgewinne) im Vergleich zu 2024.
Mit anderen Worten: Die Gewinne der Firmen schrumpfen bundesweit, und zwar nicht nur in der Autoindustrie. Das wird früher oder später die kommunalen Kassen in vielen Regionen treffen.
Woran liegt das? Ein Bündel an Faktoren belastet die Unternehmen und drückt damit indirekt die Gewerbesteuer nach unten. Hier die wichtigsten Gründe:
- Teure Umstellung auf E-Mobilität: Die großen Autokonzerne investieren Milliardenbeträge in Elektrotechnologie und neue Produktionsstätten. Diese gewaltigen Ausgaben belasten die Gewinne kurzfristig. Geld, das in neue Batteriefabriken oder Modelle fließt, steht nicht mehr als Gewinn zur Verfügung – und damit fehlt es auch der Gewerbesteuerbasis.
- Absatzflaute in wichtigen Märkten: Besonders der chinesische Markt schwächelt für deutsche Hersteller derzeit. Mercedes etwa verkaufte im ersten Quartal 2025 rund 7 % weniger Fahrzeuge und im zweiten Quartal nochmals 9 % weniger als im Vorjahr. Wenn große Exportmärkte schwächeln, gehen Umsatz und Gewinn zurück – und die Steuerzahlungen sinken entsprechend.
- Geopolitische Risiken und Konjunkturflaute: Globale Unsicherheiten wie der Krieg in der Ukraine, Spannungen im Welthandel und hohe Energiepreise führen zu Zurückhaltung bei Investitionen und Konsum. Die schwache gesamtwirtschaftliche Lage in Deutschland (BIP-Wachstum 2025 voraussichtlich 0,0 %) tut ihr Übriges. Unternehmen verdienen weniger, viele fahren auf Sicht und beantragen sogar, ihre Gewerbesteuer-Vorauszahlungen herabzusetzen – etwa weil Aufträge fehlen oder Lieferketten unsicher sind. Diese Anpassung der Vorauszahlungen haben z.B. die Stuttgarter Autokonzerne genutzt, was die städtische Einnahmeerwartung auf 850 Mio. Euro drückte. Bundesweit entsteht so eine Kette: Weniger Gewinn -> weniger Steuern -> klamme Stadtkassen.
Für Städte und Gemeinden zeichnen sich damit schwierige Zeiten ab. Wenn die sprudelnden Gewerbesteuermittel versiegen, müssen Kommunen entweder sparen oder sich anderweitig helfen. Manche denken darüber nach, andere Steuern und Abgaben zu erhöhen.
So hat in der Vergangenheit rund ein Fünftel der Kommunen sogar die Gewerbesteuer-Hebesätze angehoben, um mehr Einnahmen zu erzielen. Häufiger noch werden die Grundsteuer oder Gebühren (für Müll, Parken, etc.) erhöht, was letztlich die Bürger direkt belastet. Gleichzeitig drohen Einschnitte: Investitionen in Schulen, Verkehrsprojekte oder soziale Angebote könnten auf Eis gelegt werden, bis sich die Einnahmelage verbessert.
Der Deutsche Städtetag spricht schon jetzt von der größten kommunalen Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg – ein deutliches Warnsignal.
Die Krise der Autoindustrie wirkt wie ein Schlag ins Kontor unserer Städte. Was in Stuttgart, Wolfsburg oder Ingolstadt geschieht, steht exemplarisch für eine Entwicklung, die ganz Deutschland erfassen könnte. Für Bürger und Unternehmer heißt das, sich auf Veränderungen einzustellen – sei es in Form sparsamerer Kommunalhaushalte, möglicher Steuererhöhungen oder reduzierter Leistungen vor Ort. Umso wichtiger wird ein vorausschauender Vermögensschutz und Finanzplanung: Wenn öffentliche Einnahmen wegbrechen, sollte man privat vorsorgen. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie belastbar unsere Städte in stürmischen Wirtschaftszeiten sind – und wie wir alle gemeinsam durch dieses gewaltige Steuerloch hindurchsteuern können.
Quellen: Die in diesem Artikel genannten Daten und Zitate stammen aus aktuellen Berichten und Prognosen, u.a. von den Stuttgarter Nachrichten, dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg, dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie den Deutschen Wirtschafts Nachrichten.
Diese Quellen unterstreichen die Dimension des Gewerbesteuereinbruchs infolge der Autoindustrie-Krise und seine Auswirkungen auf Kommunalfinanzen in Stuttgart, Baden-Württemberg und ganz Deutschland.