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Vietnam Handelsdefizit 2026

13. August 2026 / TraditionArt Verlag

Vietnam Handelsdefizit 2026: Exportboom trifft auf Rekorddefizit

Vietnam exportiert mehr – und schreibt trotzdem ein Rekorddefizit

Stand: 3. August 2026 – Von Dr. Joachim Schmitz

Vietnam liefert 2026 auf den ersten Blick widersprüchliche Wirtschaftszahlen.

Die Exporte wachsen kräftig, die Industrieproduktion legt deutlich zu und ausländische Investoren bringen mehr Kapital ins Land. Gleichzeitig erreicht das vietnamesische Handelsbilanzdefizit einen historischen Höchststand.

Im Juli 2026 exportierte Vietnam Waren im Wert von rund 53 Milliarden US-Dollar. Das waren etwa 25 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Die Importe stiegen jedoch noch wesentlich schneller: um 41 Prozent auf rund 56,67 Milliarden US-Dollar.

Allein im Juli entstand dadurch ein Handelsbilanzdefizit von rund 3,59 Milliarden US-Dollar.

Der eigentliche Rekord betrifft jedoch nicht nur den Juli. Von Januar bis Juli 2026 summierte sich das Defizit auf rund 20,5 Milliarden US-Dollar. Damit übertraf Vietnam bereits nach sieben Monaten den bisherigen nominalen Gesamtjahresrekord von etwa 18 Milliarden US-Dollar aus dem Jahr 2008.

Für Unternehmer und Investoren ist diese Entwicklung kein Grund, Vietnam grundsätzlich infrage zu stellen. Sie ist jedoch ein deutlicher Hinweis darauf, dass eine Produktionsverlagerung nach Vietnam nicht allein anhand von Löhnen, Steuern oder Exportwachstum kalkuliert werden darf.

Entscheidend sind die tatsächliche Importabhängigkeit, die Energieversorgung, der Finanzierungsbedarf, die lokale Wertschöpfung und die zollrechtliche Herkunft der produzierten Waren.

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Die wichtigsten Zahlen zum Vietnam Handelsdefizit 2026

Kennzahl Ergebnis
Exporte im Juli 2026 rund 53,0 Milliarden US-Dollar
Exportwachstum gegenüber Juli 2025 rund 25 Prozent
Importe im Juli 2026 rund 56,67 Milliarden US-Dollar
Importwachstum gegenüber Juli 2025 rund 41 Prozent
Handelsbilanzdefizit im Juli rund 3,59 Milliarden US-Dollar
Exporte Januar bis Juli rund 320 Milliarden US-Dollar
Importe Januar bis Juli rund 340 Milliarden US-Dollar
Handelsbilanzdefizit Januar bis Juli rund 20,5 Milliarden US-Dollar
Realisierte ausländische Direktinvestitionen rund 15,2 Milliarden US-Dollar
Wachstum der realisierten Direktinvestitionen rund 11,8 Prozent

Die Zahlen zeigen: Vietnam verliert nicht an Exportkraft. Vielmehr wächst die Einfuhr von Energie, Rohstoffen, Komponenten, Maschinen und Produktionsmitteln noch schneller als die Ausfuhr fertiger oder weiterverarbeiteter Waren.

Vietnam Handelsdefizit 2026 Infografik

Vietnam Handelsdefizit 2026 Infografik

Warum Vietnam trotz Exportboom ein Handelsdefizit schreibt

Vietnam ist inzwischen einer der wichtigsten industriellen Produktionsstandorte Asiens. Das Land produziert unter anderem Elektronik, Maschinen, Möbel, Textilien, Schuhe, Fahrzeugkomponenten und Konsumgüter für internationale Märkte.

Ein großer Teil dieser Produktion ist jedoch auf importierte Vorprodukte angewiesen.

Vietnam importiert beispielsweise:

  • elektronische Bauteile,
  • Halbleiter und Displays,
  • Maschinen und Produktionsanlagen,
  • Metalle und Metallprodukte,
  • Kunststoffe und chemische Vorprodukte,
  • textile Gewebe und Garne,
  • Erdöl und raffinierte Kraftstoffe,
  • Verpackungs- und Spezialmaterialien.

Diese Waren werden in Vietnam verarbeitet, montiert oder in größere Produktionsprozesse integriert und anschließend teilweise wieder exportiert.

Das bedeutet: Steigen die Exporte, steigen häufig zunächst auch die Importe.

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 entfielen rund 94 Prozent der vietnamesischen Warenimporte auf die weit gefasste Kategorie der Produktionsmittel und Vorleistungen. Es handelt sich also nicht in erster Linie um einen konsumgetriebenen Importboom.

Ein erheblicher Teil der Einfuhren dient dem Aufbau und der Auslastung industrieller Produktionskapazitäten.

Das strukturelle Dreieck zwischen China, Vietnam und den USA

Hinter der vietnamesischen Handelsentwicklung steht ein besonderes wirtschaftliches Modell.

China ist weiterhin Vietnams wichtigster Importlieferant. Die Vereinigten Staaten sind gleichzeitig der wichtigste Exportmarkt.

Vereinfacht dargestellt funktioniert ein Teil der Lieferketten folgendermaßen:

  1. Komponenten, Rohstoffe oder Maschinen werden aus China nach Vietnam geliefert.
  2. In Vietnam erfolgt die Weiterverarbeitung, Montage oder Endfertigung.
  3. Die fertigen Produkte werden in die USA, nach Europa oder in andere internationale Märkte exportiert.

Dieses Modell hat Vietnam zu einem der bedeutendsten Gewinner der internationalen China-plus-one-Strategie gemacht.

Gleichzeitig entsteht dadurch eine doppelte Abhängigkeit:

Vietnam ist auf der Beschaffungsseite stark von asiatischen, insbesondere chinesischen Lieferketten abhängig. Auf der Absatzseite besteht eine hohe Bedeutung des US-amerikanischen Marktes.

Ändern sich chinesische Lieferbedingungen, Energiepreise, Transportkosten oder amerikanische Zollregeln, kann dies vietnamesische Produktionsstandorte unmittelbar treffen.

Der Exporterfolg wird stark von ausländischen Unternehmen getragen

Die Struktur der Handelsbilanz zeigt außerdem, wie bedeutend ausländische Investoren für Vietnams Exportwirtschaft geworden sind.

Im ersten Halbjahr 2026 entfielen knapp 80 Prozent der vietnamesischen Warenexporte auf Unternehmen mit ausländischer Beteiligung. Der ausländisch investierte Unternehmenssektor erzielte im gleichen Zeitraum einen Handelsbilanzüberschuss von rund 8,3 Milliarden US-Dollar.

Der inländische Unternehmenssektor Vietnams verzeichnete dagegen ein Defizit von knapp 25 Milliarden US-Dollar.

Das ist für europäische Investoren in zweifacher Hinsicht relevant.

Einerseits bestätigt es, dass ausländische Produktionsunternehmen in Vietnam grundsätzlich erfolgreich in internationale Lieferketten integriert werden können.

Andererseits zeigt es, dass die lokale Zulieferstruktur noch nicht in allen Branchen mit der Geschwindigkeit der ausländischen Produktionsinvestitionen gewachsen ist.

Genau darin liegt eine zusätzliche Investitionschance.

Nicht nur große Exportfabriken werden benötigt, sondern auch:

  • spezialisierte Zulieferbetriebe,
  • industrielle Wartungsunternehmen,
  • Qualitätssicherungsdienstleister,
  • Werkzeug- und Formenbauer,
  • Verpackungsunternehmen,
  • Lager- und Logistikdienstleister,
  • Anbieter für Energieeffizienz,
  • Recycling- und Umwelttechnikunternehmen,
  • Prüf-, Zertifizierungs- und Dokumentationsdienstleister.

Energie- und Kraftstoffkosten treiben die Importrechnung

Ein wesentlicher Grund für das wachsende Handelsbilanzdefizit waren 2026 die höheren Kosten für Energie und Kraftstoffe.

In den ersten sieben Monaten sank die importierte Menge an Rohöl gegenüber dem Vorjahr um rund 11,9 Prozent. Der dafür bezahlte Wert stieg jedoch um etwa 18 Prozent.

Bei raffinierten Kraftstoffen erhöhte sich die Einfuhrmenge um ungefähr 6 Prozent. Der Importwert stieg dagegen um rund 67,6 Prozent.

Diese Entwicklung zeigt, dass nicht nur die eingeführte Menge entscheidend ist. Preissteigerungen und Veränderungen im Produktmix können die Importkosten erheblich erhöhen, selbst wenn das physische Importvolumen nur leicht wächst oder sogar zurückgeht.

Für Produktionsunternehmen entstehen daraus direkte und indirekte Belastungen:

  • höhere Kosten für den Betrieb von Maschinen und Anlagen,
  • steigende Diesel- und Transportkosten,
  • teurere petrochemische Vorprodukte,
  • höhere Kosten für Kunststoffe und Verpackungen,
  • steigende Aufwendungen für Kühlung und Klimatisierung,
  • zunehmender Finanzierungsbedarf für Vorräte und Betriebsmittel.

Besonders gefährdet sind Unternehmen, die langfristige Verkaufspreise vereinbart haben, ihre Energie- und Materialkosten jedoch nur kurzfristig absichern können.

Ist das Rekorddefizit ein Krisensignal?

Ein Handelsbilanzdefizit ist nicht automatisch ein Zeichen für eine Wirtschaftskrise.

Wenn ein Land Maschinen, Anlagen und industrielle Vorprodukte importiert, können diese Einfuhren die Grundlage für zukünftige Produktion und spätere Exporte bilden.

Das vietnamesische Defizit unterscheidet sich deshalb von einem Handelsbilanzdefizit, das überwiegend durch den Import von Konsumgütern finanziert wird.

Mehrere Kennzahlen sprechen weiterhin für eine dynamische Wirtschaft:

Die Industrieproduktion stieg im Juli gegenüber dem Vorjahr um rund 14,5 Prozent.

Die realisierten ausländischen Direktinvestitionen erhöhten sich von Januar bis Juli um etwa 11,8 Prozent auf rund 15,2 Milliarden US-Dollar.

Die Verbraucherpreise lagen im Juli etwa 4,45 Prozent über dem Vorjahresniveau und damit ungefähr im Bereich des staatlichen Inflationsziels für 2026.

Vietnam befindet sich daher nicht in einer klassischen Export- oder Investitionskrise.

Das Rekorddefizit ist vielmehr ein Warnsignal für die hohe Importintensität des vietnamesischen Wachstumsmodells.

Hinzu kommt: Der Vergleich mit dem bisherigen Rekord aus dem Jahr 2008 erfolgt in nominalen US-Dollar. Die vietnamesische Wirtschaft und das gesamte Handelsvolumen sind heute erheblich größer. Der nominale Rekord allein sagt deshalb noch nichts über die tatsächliche Tragfähigkeit der Entwicklung aus.

Für eine makroökonomische Gesamtbewertung müssten zusätzlich die Leistungsbilanz, die Devisenreserven, die Kapitalzuflüsse, die Auslandsverschuldung und die Zusammensetzung der Importe berücksichtigt werden.

Für ein einzelnes Unternehmen ist jedoch eine andere Frage wichtiger:

Wie stark hängt das geplante Geschäftsmodell von importierten Komponenten, Energie und internationalen Absatzmärkten ab?

US-Zölle machen Herkunftsnachweise zum Standortfaktor

Für Unternehmen, die in Vietnam produzieren und anschließend in die USA exportieren wollen, ist die zollrechtliche Herkunft inzwischen eine zentrale Standortfrage.

Seit dem 24. Juli 2026 gelten für Waren vietnamesischen Ursprungs zusätzliche US-amerikanische Section-301-Zölle von 12,5 Prozent, soweit keine produktbezogene Ausnahme eingreift.

Die US-Regierung begründet die Maßnahme mit ihrer Bewertung der vietnamesischen Regelungen und Kontrollen im Zusammenhang mit Waren, die unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellt worden sein könnten. Die vietnamesische Regierung weist diese Beurteilung zurück.

Für Unternehmen ist unabhängig von der politischen Auseinandersetzung entscheidend, dass die Zollbelastung produktbezogen geprüft werden muss.

Die Angabe „Made in Vietnam“ auf einer Verpackung oder eine Rechnung eines vietnamesischen Unternehmens reichen nicht aus, um den zollrechtlichen Ursprung zweifelsfrei zu begründen.

Relevant sind insbesondere:

  • die Zolltarifnummer des Produktes,
  • die Herkunft der wesentlichen Komponenten,
  • die in Vietnam vorgenommenen Verarbeitungsschritte,
  • die Wertschöpfungstiefe,
  • eine mögliche wesentliche Transformation,
  • produktspezifische Antidumping- oder Ausgleichszölle,
  • bestehende Ausnahmeregelungen,
  • die Dokumentation der gesamten Lieferkette.

Eine einfache Endmontage chinesischer Komponenten in Vietnam führt nicht automatisch dazu, dass ein Produkt für US-Zollzwecke als vietnamesischen Ursprungs anerkannt wird.

Unternehmen benötigen daher eine vollständige Dokumentation aus Stücklisten, Lieferantenerklärungen, Produktionsabläufen, Materialnachweisen und Qualitätsunterlagen.

Bei besonders wichtigen Produktgruppen kann vor Beginn einer größeren Investition eine verbindliche zollrechtliche Vorabklärung sinnvoll sein.

Auch für den Export in die EU gelten Herkunftsregeln

Für Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist nicht nur der US-Markt relevant.

Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Vietnam kann bei Exporten zwischen Vietnam und der EU erhebliche Zollvorteile ermöglichen. Diese Vorteile entstehen jedoch nicht allein dadurch, dass ein Produkt in Vietnam gefertigt oder von dort versendet wird.

Die jeweils geltenden produktspezifischen Ursprungsregeln müssen erfüllt und ordnungsgemäß nachgewiesen werden.

Ein Unternehmen sollte deshalb bereits vor der Wahl des Produktionsmodells klären:

  • Welche Vormaterialien dürfen aus Drittstaaten stammen?
  • Welche Verarbeitung muss tatsächlich in Vietnam erfolgen?
  • Welche Wertgrenzen gelten für nicht ursprüngliche Materialien?
  • Welche Ursprungsnachweise sind erforderlich?
  • Welche Unterlagen müssen für spätere Zollprüfungen aufbewahrt werden?

Die Lieferkette sollte nicht erst nach dem Produktionsstart an die Ursprungsregeln angepasst werden. Sie sollte von Anfang an danach konzipiert werden.

Sieben Prüfungen vor einer Produktionsverlagerung nach Vietnam

1. Importabhängigkeit auf Stücklistenebene erfassen

Eine allgemeine Aussage wie „Wir benötigen viele Teile aus China“ reicht für eine belastbare Investitionsentscheidung nicht aus.

Jede wesentliche Stücklistenposition sollte nach folgenden Kriterien bewertet werden:

  • Herkunftsland,
  • Anteil an den gesamten Herstellkosten,
  • Lieferzeit,
  • Mindestbestellmenge,
  • Währung,
  • möglicher Alternativlieferant,
  • Zolltarifnummer,
  • Bedeutung für den Ursprung des Endproduktes.

Erst danach lässt sich erkennen, ob Vietnam tatsächlich eine unabhängige Alternative zu China darstellt oder lediglich ein weiterer Produktionsschritt innerhalb einer weiterhin chinesisch dominierten Lieferkette ist.

2. Energiekosten und Versorgungssicherheit prüfen

Nicht nur der gegenwärtige Strompreis ist relevant.

Unternehmen sollten unter anderem untersuchen:

  • verfügbare Anschlussleistung,
  • Zeitpunkt des Netzanschlusses,
  • Qualität und Stabilität der Stromversorgung,
  • dokumentierte Ausfallzeiten im Industriegebiet,
  • Kosten zusätzlicher Transformatoren,
  • Möglichkeiten für Notstromversorgung,
  • Nutzung eigener Solar- oder Speichersysteme,
  • vertragliche Preisänderungsklauseln.

Bei energieintensiven Produktionsprozessen kann die Wahl des Industrieparks wichtiger sein als ein geringer Unterschied bei Grundstücksmiete oder Arbeitskosten.

3. Gesamtkosten statt Lohnkosten kalkulieren

Der Vorteil niedrigerer Personalkosten kann durch andere Kosten vollständig aufgezehrt werden.

Eine belastbare Kalkulation umfasst deshalb:

  • Einkaufspreise der Vorprodukte,
  • Einfuhrzölle,
  • Transport- und Versicherungskosten,
  • Lagerhaltung,
  • Ausschuss und Qualitätskontrolle,
  • Energie,
  • Finanzierungskosten,
  • Exportzölle im Zielmarkt,
  • zusätzliche Compliance- und Dokumentationskosten.

Notwendig sind mindestens drei Szenarien: Basiskalkulation, Belastungsszenario und extremes Störungsszenario.

Vietnam Handelsdefizit 2026

Vietnam Handelsdefizit 2026

4. Lokale Wertschöpfung systematisch aufbauen

Lokalisierung bedeutet nicht, einen internationalen Lieferanten einfach durch den nächstgelegenen vietnamesischen Anbieter zu ersetzen.

Lokale Zulieferer müssen hinsichtlich Qualität, Kapazität, Zertifizierungen, Lieferfähigkeit, Werkzeugen, Zahlungsbedingungen und Rohstoffabhängigkeit geprüft werden.

Häufig ist ein mehrjähriges Lieferantenentwicklungsprogramm erforderlich.

Das Ziel sollte nicht lediglich eine höhere vietnamesische Quote auf dem Papier sein. Entscheidend ist eine wirtschaftlich belastbare und dokumentierbare lokale Wertschöpfung.

5. Zoll- und Herkunftsmatrix für jeden Absatzmarkt erstellen

Ein Produkt kann nach vietnamesischem Recht als lokal hergestellt gelten, für die EU-Präferenzbehandlung aber nicht ausreichend vietnamesischen Ursprung besitzen und nach US-Recht nochmals anders bewertet werden.

Deshalb sollte jedes Unternehmen eine Matrix erstellen, die für jeden Zielmarkt festhält:

  • Zolltarifnummer,
  • regulären Zollsatz,
  • zusätzliche Sonderzölle,
  • Ursprungsregel,
  • erforderliche Nachweise,
  • mögliche Freihandelsvorteile,
  • Risiken durch Antidumpingverfahren,
  • Dokumentationspflichten.

6. Working Capital und Währungsrisiken einplanen

Steigende Importpreise wirken nicht nur auf die Marge. Sie erhöhen auch den Finanzierungsbedarf.

Ein vereinfachtes Beispiel:

Ein Werk importiert jährlich Vorprodukte im Wert von 12 Millionen US-Dollar. Steigen diese Kosten um 15 Prozent, erhöht sich die jährliche Belastung um 1,8 Millionen US-Dollar.

Bei einer durchschnittlichen Kapitalbindung von 60 Tagen werden allein für die Finanzierung dieser Kostensteigerung rund 296.000 US-Dollar zusätzliches Working Capital benötigt.

Noch nicht berücksichtigt sind dabei längere Transportzeiten, Sicherheitsbestände, Zölle, Wechselkursveränderungen oder verspätete Kundenzahlungen.

Die Finanzierung sollte daher nicht erst nach Fertigstellung des Werkes organisiert werden.

7. Verträge gegen Kosten- und Lieferkettenrisiken absichern

Liefer-, Produktions- und Kundenverträge sollten Regelungen enthalten zu:

  • Preisgleitklauseln,
  • Energie- und Rohstoffzuschlägen,
  • Wechselkursveränderungen,
  • Lieferverzögerungen,
  • alternativen Beschaffungsquellen,
  • höherer Gewalt,
  • Zolländerungen,
  • Herkunftsnachweisen,
  • Audit- und Informationsrechten.

Eine vertragliche Festpreisbindung ohne Anpassungsmöglichkeit kann bei stark steigenden Importkosten schnell zu erheblichen Verlusten führen.

Drei mögliche Produktionsmodelle für Vietnam

Modell 1: Reine Montage importierter Komponenten

Dieses Modell ermöglicht einen vergleichsweise schnellen Markteintritt und begrenzt zunächst den Investitionsbedarf.

Es eignet sich für Testproduktionen, kleinere Stückzahlen und Unternehmen, die ihre bestehenden Lieferanten weiterhin nutzen möchten.

Die Nachteile sind eine hohe Importabhängigkeit, geringe lokale Wertschöpfung und mögliche Schwierigkeiten bei der zollrechtlichen Herkunft.

Für den Export in stark regulierte Märkte kann das Modell problematisch werden.

Modell 2: Hybride Produktion mit schrittweiser Lokalisierung

Hier werden zunächst besonders anspruchsvolle Komponenten importiert. Einfachere Bauteile, Verpackungen, Metallarbeiten, Kunststoffteile oder Dienstleistungen werden zunehmend lokal beschafft.

Dieses Modell verbindet einen relativ schnellen Produktionsstart mit dem langfristigen Aufbau vietnamesischer Wertschöpfung.

Für viele mittelständische Unternehmen aus dem DACH-Raum dürfte dies die realistischste Variante sein.

Voraussetzung ist ein konkreter Lokalisierungsplan mit messbaren Zielen, Qualitätskontrollen und alternativen Lieferanten.

Modell 3: Regional diversifizierte ASEAN-Lieferkette

Bei diesem Modell werden Komponenten nicht nur aus China, sondern auch aus Vietnam, anderen ASEAN-Staaten, Südkorea, Japan oder Europa bezogen.

Das senkt die Abhängigkeit von einem einzelnen Herkunftsland und kann die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette erhöhen.

Die höhere Zahl an Lieferanten, Währungen, Transportwegen und Ursprungsregeln macht das Modell allerdings komplexer.

Es eignet sich besonders für größere Produktionsvolumen und Unternehmen, die Vietnam als langfristigen regionalen Standort aufbauen wollen.

Welche Unternehmen trotz Handelsdefizit von Vietnam profitieren können

Das Handelsbilanzdefizit verändert die grundsätzlichen Standortvorteile Vietnams nicht.

Besonders interessant bleibt das Land für Unternehmen, die:

  • einen wachsenden asiatischen Absatzmarkt erschließen wollen,
  • ihre Produktion geografisch diversifizieren möchten,
  • nicht ausschließlich vom chinesischen Markt abhängig bleiben wollen,
  • lokale oder regionale Vorprodukte einsetzen können,
  • eine schrittweise Lokalisierung planen,
  • langfristig in Lieferantenentwicklung investieren,
  • Produkte für mehrere Absatzmärkte herstellen,
  • Vietnam nicht nur als Billiglohnstandort betrachten.

Auch für spezialisierte Zulieferer und industrielle Dienstleister entstehen Chancen. Je größer Vietnams Produktion wird, desto höher wird der Bedarf an zuverlässigen lokalen Partnern.

Was gegen eine unvorbereitete Verlagerung spricht

Problematisch ist eine Produktionsverlagerung insbesondere dann, wenn:

  • der Businessplan fast ausschließlich auf niedrigen Löhnen basiert,
  • mehr als 80 oder 90 Prozent der Vorprodukte weiterhin importiert werden,
  • nur ein chinesischer Lieferant zur Verfügung steht,
  • Herkunftsregeln erst nach Produktionsbeginn geprüft werden,
  • keine ausreichende Betriebsmittelfinanzierung vorhanden ist,
  • die Stromversorgung des konkreten Standortes ungeprüft bleibt,
  • Abnehmer langfristige Festpreise verlangen,
  • lokale Partner nicht sorgfältig überprüft wurden,
  • Genehmigungen und Devisentransfers nicht vorab geklärt sind.

Vietnam kann ein hervorragender Produktionsstandort sein. Das Land ist jedoch kein automatischer Schutz vor chinesischen, amerikanischen oder globalen Lieferkettenrisiken.

Die entscheidenden Fragen für Unternehmer und Investoren

Vor einer endgültigen Investitionsentscheidung sollten mindestens folgende Fragen beantwortet werden:

  1. Welcher Anteil der Herstellkosten entfällt auf importierte Vorprodukte?
  2. Aus welchen Ländern stammen die wesentlichen Komponenten?
  3. Welche Lieferanten können innerhalb von sechs bis zwölf Monaten ersetzt werden?
  4. Welche lokale Wertschöpfung ist technisch und wirtschaftlich erreichbar?
  5. Wie verändern höhere Energie- und Kraftstoffkosten die Marge?
  6. Wie hoch ist der zusätzliche Finanzierungsbedarf bei einem Kostenanstieg von 10, 20 oder 30 Prozent?
  7. Welchen zollrechtlichen Ursprung besitzt das fertige Produkt in der EU und in den USA?
  8. Welche zusätzlichen Zölle gelten im jeweiligen Absatzmarkt?
  9. Welche Unterlagen werden für spätere Zoll- und Lieferkettenprüfungen benötigt?
  10. Ist der gewählte Standort auch bei einer schweren Lieferkettenstörung noch wirtschaftlich tragfähig?

Erst wenn diese Fragen belastbar beantwortet wurden, lässt sich der tatsächliche Vorteil einer Produktion in Vietnam beurteilen.

Das Vietnam Handelsdefizit 2026 ist kein Stoppsignal

Vietnams Rekord-Handelsbilanzdefizit ist kein Beleg dafür, dass der Produktionsstandort an Attraktivität verliert.

Die Exporte wachsen, die Industrie expandiert und die realisierten ausländischen Direktinvestitionen steigen weiter. Gleichzeitig zeigt das Defizit, wie stark Vietnams industrielle Entwicklung noch von importierten Maschinen, Komponenten, Rohstoffen und Energieträgern abhängig ist.

Für Investoren lautet die entscheidende Schlussfolgerung deshalb nicht: Vietnam meiden.

Sie lautet:

Vietnam sorgfältiger kalkulieren.

Erfolgreiche Projekte werden künftig diejenigen sein, die lokale Wertschöpfung aufbauen, Lieferanten diversifizieren, Energie- und Finanzierungskosten absichern und den Ursprung ihrer Produkte zweifelsfrei dokumentieren können.

Eine China-plus-one-Strategie sollte nicht zu einer bloßen China-durch-Vietnam-Struktur werden.

Vietnam bietet erhebliche Chancen. Aber diese Chancen entstehen nicht allein durch eine Firmengründung oder die Anmietung einer Produktionshalle. Sie entstehen durch eine belastbare Standort-, Lieferketten-, Finanzierungs- und Absatzstrategie.

Vietnam-Beratung und Produktionsbegleitung

Eine Produktionsverlagerung scheitert selten an der eigentlichen Unternehmensregistrierung.

Häufiger entstehen Probleme durch falsch kalkulierte Lieferketten, ungeprüfte Geschäftspartner, ungeklärte Genehmigungen, eine unzureichende Energieversorgung oder einen unterschätzten Betriebsmittelbedarf.

Zukunft2.com begleitet Unternehmer und Investoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beim strukturierten Markteintritt in Vietnam.

Dazu gehören insbesondere:

  • Standort- und Machbarkeitsanalysen,
  • Begleitung bei der Firmengründung,
  • Auswahl geeigneter Industrieparks,
  • Suche und Prüfung von Geschäftspartnern,
  • Lieferanten- und Produktionspartnersuche,
  • Vorbereitung von Produktionsverlagerungen,
  • Koordination wirtschaftlicher Due-Diligence-Prüfungen,
  • Entwicklung von Markteintritts- und Lokalisierungsstrategien,
  • Abstimmung mit spezialisierten Rechts-, Steuer- und Zollberatern.

Ziel ist keine vorschnelle Verlagerungsentscheidung, sondern ein wirtschaftlich belastbares Vietnam-Konzept.

Häufige Fragen zum Vietnam Handelsdefizit 2026

Warum hat Vietnam trotz steigender Exporte ein Handelsdefizit?

Weil die Importe noch schneller wachsen als die Exporte. Vietnam benötigt für seine exportorientierte Industrie große Mengen an Maschinen, Rohstoffen, elektronischen Komponenten, Materialien und Energie.

Bezieht sich der Rekord auf den Juli 2026?

Der Juli verzeichnete ein Defizit von rund 3,59 Milliarden US-Dollar. Der historische Rekord bezieht sich auf das kumulierte Defizit von rund 20,5 Milliarden US-Dollar zwischen Januar und Juli 2026.

Ist ein Handelsbilanzdefizit grundsätzlich negativ?

Nein. Wenn die Importe überwiegend aus Maschinen, Anlagen und Produktionsmitteln bestehen, können sie zukünftiges Wachstum ermöglichen. Problematisch wird das Defizit, wenn Importkosten dauerhaft schneller wachsen als Exporterlöse oder die Finanzierung schwieriger wird.

Ist eine Produktionsverlagerung nach Vietnam noch sinnvoll?

Ja, sofern Importabhängigkeit, Energie, Finanzierung, Lieferantenstruktur, Absatzmärkte und Herkunftsregeln vorab geprüft werden. Vietnam bleibt ein dynamischer Standort, ist aber keine risikofreie Standardlösung.

Wie können Unternehmen ihre Importabhängigkeit reduzieren?

Durch lokale Lieferantenentwicklung, regionale Mehrfachbeschaffung, alternative Materialien, höhere Lagerreserven für kritische Komponenten und eine schrittweise Erhöhung der vietnamesischen Wertschöpfung.

Was bedeuten die neuen US-Zölle für Vietnam?

Für viele Produkte vietnamesischen Ursprungs gelten seit dem 24. Juli 2026 zusätzliche Section-301-Zölle von 12,5 Prozent, sofern keine Ausnahme greift. Die tatsächliche Belastung muss anhand der Zolltarifnummer und des konkreten Produktes geprüft werden.

Steigen die ausländischen Investitionen in Vietnam weiterhin?

Ja. Die tatsächlich realisierten ausländischen Direktinvestitionen stiegen von Januar bis Juli 2026 um rund 11,8 Prozent auf etwa 15,2 Milliarden US-Dollar.

Vietnam Handelsdefizit 2026

 

 

 

Quellen

  • Reuters, 3. August 2026: Vietnams Handelsbilanz im Juli und von Januar bis Juli, Energie- und Kraftstoffimporte, realisierte Direktinvestitionen, Inflation und Industrieproduktion. (Reuters)
  • National Statistics Office of Vietnam: Wirtschaftsentwicklung im ersten Halbjahr 2026, Warenhandel, Struktur des FDI-Sektors, wichtigste Export- und Importmärkte sowie Industrieentwicklung. (Nso)
  • National Statistics Office of Vietnam: Warenhandel in den ersten fünf Monaten 2026 und Zusammensetzung der Importe aus Produktionsmitteln und Vorleistungen. (Nso)
  • Office of the United States Trade Representative: Einführung der zusätzlichen Section-301-Zölle, Inkrafttreten am 24. Juli 2026, Zollhöhe für Vietnam und produktbezogene Ausnahmen.
  • Europäische Kommission, Access2Markets: EU-Vietnam-Freihandelsabkommen, Ursprungsregeln und erforderliche Ursprungsnachweise. (EU Trade)

Vietnam zieht 34,65 Milliarden Dollar an – internationale Investoren setzen auf den Produktionsstandort

Von Dr. Joachim Schmitz

Vietnam hat im ersten Halbjahr 2026 ausländische Direktinvestitionen im Umfang von 34,65 Milliarden US-Dollar registriert. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Anstieg von 61 Prozent.

Die Zahl ist weit mehr als eine positive Wirtschaftsmeldung. Sie zeigt, dass internationale Unternehmen Vietnam zunehmend als dauerhaften Produktions-, Beschaffungs- und Absatzstandort betrachten. Das Land entwickelt sich von einer kostengünstigen Alternative zu China zu einem eigenständigen industriellen Zentrum innerhalb Asiens.

Für Unternehmer und Investoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellt sich deshalb nicht mehr nur die Frage, ob Vietnam interessant sein könnte. Entscheidend ist vielmehr, mit welchem Geschäftsmodell, an welchem Standort und mit welcher rechtlichen Struktur der Markteintritt erfolgen sollte.

Redaktionsstand: 3. August 2026 – Von Dr. Joachim Schmitz

Die Entwicklung hat sich inzwischen fortgesetzt: In den ersten sieben Monaten 2026 stieg das registrierte Investitionsvolumen auf 38,06 Milliarden US-Dollar. Die tatsächlich realisierten ausländischen Direktinvestitionen erreichten bis Ende Juli 15,2 Milliarden US-Dollar.

Was bedeuten die 34,65 Milliarden US-Dollar tatsächlich?

Der Begriff „angezogene Investitionen“ darf nicht mit bereits vollständig überwiesenem und verbautem Kapital gleichgesetzt werden.

Die 34,65 Milliarden US-Dollar umfassen drei unterschiedliche Formen ausländischer Investitionen:

  • 17,39 Milliarden US-Dollar neu registriertes Kapital,
  • 11,04 Milliarden US-Dollar zusätzliches Kapital für bestehende Projekte,
  • 6,22 Milliarden US-Dollar für Beteiligungen und den Erwerb von Unternehmensanteilen.

Tatsächlich realisiert wurden im ersten Halbjahr 13,03 Milliarden US-Dollar. Das waren 11,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und zugleich der höchste Halbjahreswert der vergangenen fünf Jahre.

Die Differenz zwischen registriertem und realisiertem Kapital ist grundsätzlich kein Widerspruch. Große Fabriken, Industrieanlagen und Infrastrukturprojekte werden über mehrere Jahre hinweg geplant, genehmigt, finanziert und errichtet. Ein Teil des heute registrierten Kapitals wird daher erst in späteren Quartalen oder Jahren tatsächlich eingesetzt.

Trotzdem sollten Investoren beide Zahlen getrennt betrachten:

Das registrierte Kapital zeigt das Vertrauen und die Investitionsabsicht.

Das realisierte Kapital zeigt, wie viel wirtschaftliche Substanz tatsächlich entstanden ist.

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Vietnam gewinnt nicht nur mehr, sondern größere Projekte

Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung der neu genehmigten Investitionsprojekte.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden 2.013 neue Projekte registriert. Ihre Zahl stieg gegenüber dem Vorjahr lediglich um 1,3 Prozent. Das damit verbundene Kapital erhöhte sich jedoch um 87,2 Prozent auf 17,39 Milliarden US-Dollar.

Damit ist das durchschnittliche registrierte Volumen eines neuen Projekts rechnerisch von rund 4,7 Millionen auf etwa 8,6 Millionen US-Dollar gestiegen.

Das deutet auf eine qualitative Veränderung hin: Vietnam erhält nicht einfach nur mehr kleinere Niederlassungen, Vertriebsbüros oder ausgelagerte Arbeitsschritte. Internationale Unternehmen verpflichten sich zunehmend zu größeren Produktionsanlagen, umfangreicheren Erweiterungen und langfristigeren Investitionen.

Auch die zusätzlichen 11,04 Milliarden US-Dollar für bereits vorhandene Projekte sind strategisch bedeutsam. Unternehmen, die Vietnam bereits aus der praktischen Geschäftstätigkeit kennen, investieren weiter. Solche Erweiterungsinvestitionen sind häufig ein stärkeres Vertrauenssignal als die erstmalige Registrierung eines neuen Projekts.

Produktion und Verarbeitung dominieren die Investitionen

Der wichtigste Empfänger des ausländischen Kapitals bleibt die verarbeitende Industrie.

Von den neu registrierten Investitionen entfielen 10,76 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 61,9 Prozent auf Produktion und Verarbeitung.

Werden neue und erweiterte Projekte gemeinsam betrachtet, kamen in diesem Bereich 17,91 Milliarden US-Dollar zusammen. Das entsprach rund 63 Prozent des entsprechenden Investitionsvolumens.

Noch deutlicher fällt das Verhältnis beim tatsächlich realisierten Kapital aus: Von den 13,03 Milliarden US-Dollar entfielen 10,76 Milliarden US-Dollar auf Produktion und Verarbeitung. Damit wurden rund 82,6 Prozent des tatsächlich eingesetzten FDI-Kapitals in diesem Bereich umgesetzt.

Vietnam wird damit vor allem als industrieller Standort ausgebaut. Im Mittelpunkt stehen nicht lediglich Finanzbeteiligungen oder kurzfristige Kapitalanlagen, sondern Fabriken, Maschinen, Produktionslinien, Logistikstrukturen und Zuliefernetzwerke.

Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus Chancen in Bereichen wie:

  • Maschinen- und Anlagenbau,
  • Automatisierung und Robotik,
  • industrielle Software,
  • Energieeffizienz und Betriebstechnik,
  • Elektronik und Präzisionsfertigung,
  • Verpackungs- und Lebensmitteltechnik,
  • Qualitätsprüfung und Zertifizierung,
  • Logistik, Lagerung und Kühlketten,
  • Wartung, Reparatur und technische Dienstleistungen.

Die wachsende Produktion ausländischer Konzerne erzeugt gleichzeitig eine Nachfrage nach lokalen Lieferanten, spezialisierten Dienstleistern und qualifiziertem Management.

Vietnam zieht 34,65 Milliarden Dollar an Infografik

Vietnam zieht 34,65 Milliarden Dollar an Infografik

Immobilien bleiben ein bedeutender Investitionsbereich

Nach der verarbeitenden Industrie stand der Immobiliensektor an zweiter Stelle. Auf ihn entfielen bei den neuen und erweiterten Projekten rund 5,1 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 17,9 Prozent.

Das betrifft vor allem größere Entwicklungen wie Industrieparks, Logistikflächen, Gewerbeimmobilien, Wohnanlagen und städtische Infrastruktur.

Private Investoren sollten daraus jedoch nicht automatisch ableiten, dass jede Wohnung oder jedes Grundstück in Vietnam eine sichere Kapitalanlage darstellt. Institutionelle FDI-Projekte und private Immobilienkäufe unterscheiden sich erheblich hinsichtlich:

  • Eigentums- und Nutzungsrechten,
  • Laufzeiten,
  • Genehmigungen,
  • Erwerbsbeschränkungen,
  • Projektentwicklerrisiken,
  • Vermietbarkeit,
  • Liquidität beim späteren Verkauf.

Gerade bei Immobilieninvestitionen muss geprüft werden, welches Recht tatsächlich erworben wird, wie lange es besteht, ob das Projekt vollständig genehmigt ist und unter welchen Voraussetzungen ein späterer Verkauf oder eine Übertragung möglich ist.

Asiatische Investoren bestimmen bislang das Geschehen

Bei den neu registrierten Projekten war Singapur im ersten Halbjahr 2026 mit 7,31 Milliarden US-Dollar der größte Kapitalgeber. Das entsprach 42,1 Prozent des neu registrierten Investitionsvolumens.

Dahinter folgten:

  • Südkorea mit 5,45 Milliarden US-Dollar,
  • Japan mit 1,2 Milliarden US-Dollar,
  • China mit 977 Millionen US-Dollar.

Die Rangliste wird damit deutlich von asiatischen Investoren geprägt. Unternehmen aus Singapur, Südkorea, Japan und China bauen ihre Produktions- und Lieferketten in Vietnam konsequent aus.

Bei der Interpretation ist allerdings zu beachten, dass die statistische Herkunft einer Investition nicht immer mit dem endgültigen wirtschaftlichen Eigentümer übereinstimmt. Internationale Konzerne investieren teilweise über regionale Holdinggesellschaften, insbesondere über Singapur oder Hongkong.

Für Unternehmen aus dem DACH-Raum ist die starke asiatische Präsenz sowohl Chance als auch Warnsignal.

Die Chance besteht darin, als Maschinenlieferant, Technologiepartner, Qualitätsanbieter oder spezialisierter Zulieferer in entstehende Produktionsnetzwerke einzutreten.

Die Warnung besteht darin, dass attraktive Industrieflächen, erfahrene Führungskräfte, qualifizierte Fachkräfte und zuverlässige lokale Partner nicht unbegrenzt verfügbar sind.

China-plus-one wird zur praktischen Unternehmensstrategie

Viele internationale Unternehmen wollen China nicht vollständig verlassen. Sie möchten jedoch vermeiden, dass ihre gesamte Produktion von einem einzigen Land, einer politischen Entscheidung oder einem Handelskonflikt abhängt.

Vietnam profitiert deshalb von der sogenannten China-plus-one-Strategie.

Dabei bleibt China häufig ein wichtiger Produktions- und Beschaffungsstandort. Gleichzeitig wird mindestens ein weiterer Standort in Asien aufgebaut. Vietnam eignet sich dafür aufgrund seiner geografischen Nähe zu chinesischen Lieferketten, seiner industriellen Entwicklung und seines Zugangs zu internationalen Absatzmärkten.

Für Unternehmen bedeutet China-plus-one jedoch mehr als die Verlagerung einer einzelnen Maschine.

Eine belastbare Standortdiversifikation erfordert unter anderem:

  • alternative Lieferanten,
  • eigene Qualitätskontrollen,
  • gesicherte Transportwege,
  • getrennte IT- und Datenstrukturen,
  • lokale Managementkompetenz,
  • rechtlich belastbare Verträge,
  • ausreichende Finanzierung während der Anlaufphase.

Eine nominelle Gesellschaft ohne eigene operative Fähigkeiten schafft noch keine unabhängige Lieferkette.

Das Handelsabkommen mit der EU verbessert den Marktzugang

Für Unternehmen aus der Europäischen Union ist das EU-Vietnam-Freihandelsabkommen ein wichtiger Standortfaktor.

Das Abkommen ist seit dem 1. August 2020 in Kraft und sieht die schrittweise Abschaffung von 99 Prozent der Zölle vor. Darüber hinaus sollen regulatorische Hindernisse reduziert und der Zugang zu Dienstleistungen, öffentlichen Beschaffungen und verschiedenen Investitionsbereichen verbessert werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes in Vietnam hergestellte Produkt automatisch zollfrei in die Europäische Union eingeführt werden kann.

Entscheidend sind unter anderem:

  • die konkrete Warennummer,
  • die geltenden Übergangsfristen,
  • die Ursprungsregeln,
  • der Anteil lokaler oder zulässiger Vormaterialien,
  • die erforderlichen Ursprungsnachweise,
  • europäische Produkt- und Sicherheitsvorschriften.

Wer lediglich chinesische Waren über Vietnam weiterleitet oder dort nur geringfügig bearbeitet, schafft dadurch nicht automatisch einen vietnamesischen Warenursprung.

Unternehmen müssen ihre Lieferkette deshalb bereits vor der Produktionsaufnahme so planen, dass Ursprungsregeln und Dokumentationspflichten eingehalten werden können.

Vietnam will künftig nicht nur mehr, sondern besseres Kapital

Die vietnamesische Regierung verfolgt für den Zeitraum bis 2030 ehrgeizige Ziele.

Vietnam möchte zwischen 2026 und 2030 insgesamt 200 bis 300 Milliarden US-Dollar neues ausländisches Investitionskapital registrieren. Davon sollen 150 bis 200 Milliarden US-Dollar tatsächlich realisiert werden.

Gleichzeitig soll sich die Qualität der Investitionen erhöhen. Vorgesehen ist unter anderem, dass 75 Prozent des neu registrierten Kapitals aus entwickelten Volkswirtschaften mit hoher Technologie-, Finanz- und Managementkompetenz stammen.

Darüber hinaus soll der lokale Wertschöpfungsanteil in wichtigen Produktionsbranchen auf 40 bis 50 Prozent steigen. Rund 10.000 vietnamesische Unternehmen sollen in die Lieferketten ausländisch investierter Unternehmen integriert werden.

Für deutsche Mittelständler eröffnet dies Chancen.

Vietnam benötigt nicht nur weitere Endproduktfabriken. Das Land benötigt ebenso:

  • industrielle Zulieferer,
  • Fertigungstechnologien,
  • Qualitätsmanagement,
  • berufliche Ausbildung,
  • Energie- und Umwelttechnik,
  • Forschung und Entwicklung,
  • Produktionsplanung,
  • moderne Unternehmensführung.

Die deutsche Industrie kann gerade dort einen Beitrag leisten, wo Vietnam von reiner Montage zu höherer lokaler Wertschöpfung wechseln möchte.

Vietnam zieht 34,65 Milliarden Dollar an

Vietnam zieht 34,65 Milliarden Dollar an

Ausländische Unternehmen tragen einen großen Teil der Exporte

Wie bedeutend ausländische Investoren bereits heute sind, zeigt der Außenhandel.

Im ersten Halbjahr 2026 entfielen knapp 80 Prozent der vietnamesischen Warenexporte auf Unternehmen mit ausländischer Beteiligung.

Vietnam verdankt einen erheblichen Teil seines Exporterfolgs internationalen Konzernen. Gleichzeitig entsteht daraus eine strukturelle Abhängigkeit: Viele Vorprodukte, Maschinen, elektronische Komponenten und Rohstoffe müssen weiterhin importiert werden.

Der Aufbau einer eigenen Fabrik in Vietnam bedeutet daher nicht automatisch, dass alle notwendigen Lieferanten bereits vor Ort vorhanden sind.

Vor einer Investition müssen Unternehmen prüfen:

  • Welche Komponenten können lokal bezogen werden?
  • Welche Teile müssen weiterhin aus China, Europa oder anderen Ländern importiert werden?
  • Welche Zoll- und Transportkosten entstehen?
  • Wie hoch muss der Sicherheitsbestand sein?
  • Welche Lieferanten erfüllen europäische Qualitätsanforderungen?
  • Wie schnell können alternative Bezugsquellen aufgebaut werden?

Die Qualität des lokalen Lieferantennetzwerks kann für den wirtschaftlichen Erfolg wichtiger sein als ein niedriger nomineller Arbeitslohn.

Welche Markteintrittsmodelle kommen infrage?

Nicht jedes Unternehmen benötigt sofort eine eigene Produktionsgesellschaft.

Je nach Zielsetzung können unterschiedliche Modelle sinnvoll sein:

Vertrieb und Repräsentanz: Geeignet, um Markt, Kunden und Geschäftspartner kennenzulernen, bevor größere Investitionen erfolgen.

Beschaffungs- und Qualitätsbüro: Sinnvoll für Unternehmen, die bereits in Vietnam einkaufen, aber Lieferanten, Qualitätsprüfung und Logistik stärker kontrollieren möchten.

Auftragsfertigung: Produktion durch einen vietnamesischen oder internationalen Vertragspartner, ohne sofort eine eigene Fabrik aufzubauen.

Joint Venture: Zusammenarbeit mit einem lokalen Unternehmen, das Marktkenntnis, Grundstücksnutzungsrechte, Kundenkontakte oder Genehmigungserfahrung einbringt.

Eigene Tochtergesellschaft: Aufbau einer kontrollierten operativen Struktur für Vertrieb, Dienstleistungen oder Produktion.

Unternehmenskauf oder Beteiligung: Erwerb eines bestehenden Betriebs mit Mitarbeitern, Kunden, Genehmigungen und Produktionskapazitäten.

Eigener Produktionsstandort: Höchste Kontrolle, aber zugleich größte Kapitalbindung, längste Anlaufzeit und umfangreichste rechtliche sowie operative Verantwortung.

Die richtige Reihenfolge besteht häufig darin, zunächst Kunden, Lieferanten und Prozesse zu testen und erst anschließend eine kapitalintensive Struktur aufzubauen.

Die größten Risiken eines vorschnellen Markteintritts

Der Investitionsboom darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vietnam ein anspruchsvoller Markt bleibt.

Besonders sorgfältig geprüft werden sollten:

  • zulässige ausländische Beteiligungsquoten,
  • notwendige Investitions- und Unternehmensgenehmigungen,
  • Grundstücks- und Gebäudenutzungsrechte,
  • Laufzeiten von Miet- und Industrieparkverträgen,
  • Strom-, Wasser- und Abwasserkapazitäten,
  • steuerliche Förderungen und deren Voraussetzungen,
  • Verrechnungspreise und konzerninterne Leistungen,
  • Devisentransfers und Gewinnausschüttungen,
  • Arbeitsrecht und Personalgewinnung,
  • lokale Geschäftspartner und wirtschaftlich Berechtigte,
  • Schutz von Marken, Konstruktionen und Produktionswissen,
  • Herkunftsregeln bei Exporten,
  • mögliche Ausstiegs- und Verkaufsstrategien.

Ein niedriger Mietpreis oder eine attraktive Steuervergünstigung darf niemals isoliert betrachtet werden.

Eine Fabrik ist wirtschaftlich wenig wert, wenn sie nicht ausreichend mit Strom versorgt werden kann, keine qualifizierten Mitarbeiter findet, von einem einzigen Lieferanten abhängig ist oder ihre Waren nicht zu den erwarteten Konditionen exportieren kann.

Was die Entwicklung für deutsche Unternehmer bedeutet

Die 34,65 Milliarden US-Dollar sind vor allem ein Signal für den steigenden internationalen Wettbewerb um den Standort Vietnam.

Deutsche Unternehmen können von dieser Entwicklung auf drei Arten profitieren:

Erstens können sie Vietnam als zusätzlichen Produktions- oder Beschaffungsstandort nutzen und dadurch ihre Abhängigkeit von einzelnen Ländern reduzieren.

Zweitens können sie die wachsenden ausländischen Fabriken mit Maschinen, Technologie, Komponenten und Dienstleistungen beliefern.

Drittens können sie am wachsenden vietnamesischen Binnenmarkt teilnehmen und Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle lokal anbieten.

Entscheidend ist, Vietnam nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt niedriger Kosten zu betrachten. Löhne, Mieten und Grundstückspreise können steigen, sobald die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern und geeigneten Standorten zunimmt.

Der langfristige Vorteil liegt deshalb nicht allein im Preis. Er liegt in der Kombination aus industrieller Dynamik, internationalem Marktzugang, wachsendem Lieferantennetzwerk und strategischer Standortdiversifikation.

Vietnam wird zu einem strategischen Wirtschaftsstandort

Vietnam hat im ersten Halbjahr 2026 nicht einfach nur 34,65 Milliarden US-Dollar an Investitionszusagen erhalten.

Die Zusammensetzung des Kapitals zeigt, dass neue größere Projekte entstehen, bestehende Unternehmen ihre Aktivitäten ausweiten und internationale Investoren gezielt Beteiligungen erwerben.

Die verarbeitende Industrie steht dabei klar im Mittelpunkt. Vietnam entwickelt sich zunehmend zu einem wesentlichen Produktionsstandort für internationale Lieferketten.

Mit inzwischen 38,06 Milliarden US-Dollar registriertem Kapital in den ersten sieben Monaten 2026 setzt sich der Trend fort.

Für Unternehmer aus dem DACH-Raum ist Vietnam damit weder ein kurzfristiger Geheimtipp noch ein unkomplizierter Ersatz für China. Das Land ist eine ernst zu nehmende strategische Option, die sorgfältige Vorbereitung, lokale Prüfung und eine langfristig tragfähige Struktur erfordert.

Wer den Markteintritt professionell vorbereitet, kann sich Zugang zu einem der dynamischsten Wirtschaftsstandorte Asiens verschaffen. Wer dagegen lediglich einer positiven Schlagzeile folgt, riskiert Fehlentscheidungen bei Standort, Partnern, Genehmigungen und Kapitalbindung.

Beratung und Begleitung beim Markteintritt in Vietnam

Zukunft2.com begleitet Unternehmer und Investoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Vietnam-Strategie.

Dazu gehören insbesondere die Prüfung des geeigneten Markteintrittsmodells, Firmengründung, Standort- und Partnersuche, Produktionsverlagerung, Aufbau von Beschaffungsstrukturen sowie die strategische Prüfung von Unternehmens- und Immobilieninvestitionen.

Das Ziel besteht nicht darin, lediglich eine Gesellschaft zu registrieren. Es geht darum, eine wirtschaftlich tragfähige Struktur aufzubauen, die zum Geschäftsmodell, zum Kapitalbedarf und zur langfristigen internationalen Strategie des Unternehmers passt.

Quellen

National Statistics Office of Vietnam: Bericht zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung im zweiten Quartal und im ersten Halbjahr 2026; offizielle Angaben zu registrierten und realisierten Direktinvestitionen sowie zur Bedeutung des FDI-Sektors für Vietnams Außenhandel. (Nso)

VnEconomy: Aufschlüsselung der ausländischen Direktinvestitionen im ersten Halbjahr 2026 nach neuen Projekten, Kapitalvolumen und Herkunftsländern. (VnEconomy)

VietNamNet/Vietnam News Agency: Angaben zu Erweiterungsinvestitionen, Beteiligungskäufen, Branchenverteilung und tatsächlich realisiertem Investitionskapital. (VietNamNet News)

VnEconomy: Aktualisierte FDI-Daten für die ersten sieben Monate 2026 mit 38,06 Milliarden US-Dollar registriertem und 15,2 Milliarden US-Dollar realisiertem Kapital. (VnEconomy)

Regierungsportal Vietnams: Ziele der Resolution Nr. 10 zur Anwerbung von 200 bis 300 Milliarden US-Dollar FDI bis 2030, zur Erhöhung der lokalen Wertschöpfung und zur Einbindung vietnamesischer Zulieferer. (en.baochinhphu.vn)

Europäische Kommission: Informationen zum EU-Vietnam-Freihandelsabkommen, zum schrittweisen Abbau von 99 Prozent der Zölle und zum verbesserten Marktzugang. (Trade and Economic Security)