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Vietnam 2026 – Wirtschaftsthemen für deutsche Unternehmer

23. Juli 2026 / Zukunft2

Vietnam 2026: Aktuelle Wirtschaftsthemen für deutsche Unternehmer

Warum Vietnam für Produktion, Beschaffung, Vertrieb und internationale Diversifikation immer wichtiger wird – und welche Risiken Unternehmer vor einer Investition prüfen müssen

Von Dr. Joachim Schmitz – Stand: 23. Juli 2026

Vietnam gehört 2026 zu den interessantesten Wirtschaftsstandorten Asiens. Das Land verbindet starkes Wachstum mit einer exportorientierten Industrie, einer zunehmend kaufkräftigen Bevölkerung, umfangreichen Infrastrukturprogrammen und einer strategischen Lage zwischen China, den ASEAN-Staaten und den internationalen Seewegen.

Die vietnamesische Wirtschaft ist 2025 um rund acht Prozent gewachsen. Für 2026 wird trotz globaler Handelskonflikte erneut ein Wachstum von etwa 6,8 Prozent erwartet. Gleichzeitig erreichte das Geschäftsklima unter europäischen Unternehmen im zweiten Quartal 2026 mit 79,7 Punkten beinahe den höchsten Stand seit sieben Jahren.

Auch deutsche Unternehmen sind längst stärker in Vietnam vertreten, als es die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt. Rund 600 deutsche Firmen beschäftigen dort mindestens 50.000 Menschen. Mehr als die Hälfte der befragten deutschen Unternehmen plant, ihre Investitionen 2026 auszuweiten.

Diese Zahlen sind jedoch nur die Oberfläche. Entscheidend ist, was hinter ihnen steht: Vietnam entwickelt sich von einem klassischen Niedriglohnstandort zu einer industriellen, technologischen und logistischen Plattform für Südostasien.

Für deutsche Unternehmer lautet die entscheidende Frage deshalb nicht mehr, ob Vietnam grundsätzlich interessant ist. Die Frage lautet:

Für welches Geschäftsmodell ist Vietnam der richtige Standort – und unter welchen Bedingungen lohnt sich eine Investition tatsächlich?

Vietnam ist kein Geheimtipp mehr

Vietnam wird häufig als Gewinner der internationalen Neuordnung von Lieferketten bezeichnet. Unternehmen wollen ihre Abhängigkeit von einzelnen Produktionsländern reduzieren, zusätzliche Lieferanten aufbauen und neue Absatzmärkte erschließen.

Dabei profitiert Vietnam besonders von seiner geografischen Nähe zu China. Viele Rohstoffe, Vorprodukte und Maschinen können über bestehende asiatische Lieferketten beschafft werden. Gleichzeitig bietet Vietnam Zugang zum ASEAN-Wirtschaftsraum, zur Europäischen Union und zu zahlreichen weiteren Märkten, mit denen das Land Handelsabkommen geschlossen hat.

Doch Vietnam ist nicht einfach ein kostengünstiger Ersatz für China.

Das Land verfügt weder über die gleiche industrielle Tiefe noch über eine vergleichbare Dichte an spezialisierten Zulieferern. In vielen Branchen müssen wichtige Komponenten weiterhin aus China, Südkorea, Japan oder anderen asiatischen Staaten importiert werden. Wer eine Produktion nach Vietnam verlagert, verschiebt daher nicht automatisch seine gesamte Lieferkette.

Die überzeugende Vietnam-Strategie lautet nicht:

„Wir ersetzen China vollständig.“

Sie lautet:

„Wir schaffen einen zweiten leistungsfähigen Standort, reduzieren Konzentrationsrisiken und erschließen gleichzeitig einen wachsenden regionalen Markt.“

Diese Unterscheidung ist für jede Investitionsentscheidung zentral.

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1. China+1 bleibt wichtig – reicht als Begründung aber nicht aus

Der Begriff „China+1“ beschreibt den Aufbau zusätzlicher Produktions- oder Beschaffungsstandorte außerhalb Chinas. Vietnam gehört dabei zu den bevorzugten Zielen internationaler Unternehmen.

Elektronik, Textilien, Möbel, Konsumgüter, Metallverarbeitung, Maschinenbau und industrielle Zulieferung haben in den vergangenen Jahren stark von dieser Entwicklung profitiert. Internationale Konzerne haben umfangreiche Produktionskapazitäten aufgebaut und dadurch ein wachsendes Netzwerk aus Industrieparks, Logistikunternehmen, Zulieferern und technischen Dienstleistern geschaffen.

Für deutsche Unternehmen kann Vietnam besonders interessant sein, wenn bereits Lieferanten oder Kunden in China und Südostasien vorhanden sind. Der Standort ermöglicht dann eine regionale Diversifikation, ohne die Nähe zu bestehenden asiatischen Wertschöpfungsketten vollständig aufzugeben.

Eine Investition sollte allerdings nicht ausschließlich mit niedrigeren Löhnen begründet werden. Lohnkosten steigen auch in Vietnam. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Qualität, Ausbildung, Umweltstandards und technische Dokumentation.

Ein Geschäftsmodell, das nur wegen niedriger Arbeitskosten funktioniert, ist langfristig schwach.

Ein Geschäftsmodell, das vietnamesische Skalierbarkeit mit deutscher Automatisierung, Prozessqualität, Ausbildung und technischer Spezialisierung verbindet, besitzt dagegen eine deutlich bessere Perspektive.

Vietnam 2026 - Wirtschaftsthemen für deutsche Unternehmer Infografik

Vietnam 2026 – Wirtschaftsthemen für deutsche Unternehmer Infografik

2. Die US-Handelspolitik wird zum entscheidenden Risikofaktor

Vietnam ist stark exportorientiert. Die Vereinigten Staaten gehören zu den wichtigsten Absatzmärkten des Landes. Damit wird die zukünftige US-Handelspolitik zu einem zentralen Faktor für Investoren.

Im Juli 2026 waren wichtige Handelsfragen zwischen Vietnam und den USA weiterhin nicht abschließend geklärt. Dazu gehören Untersuchungen zu Handelspraktiken, geistigem Eigentum und möglichen Umgehungsgeschäften über vietnamesische Produktionsstandorte.

Besonders sensibel ist der Vorwurf, chinesische Waren könnten über Vietnam in die USA weitergeleitet werden, ohne dass im Land eine ausreichende wirtschaftliche Verarbeitung stattfindet.

Für deutsche Unternehmer hat dies unmittelbare Konsequenzen. Wer in Vietnam für den US-Markt produzieren will, muss exakt nachweisen können:

  • woher die Vorprodukte stammen,
  • welche Fertigungsschritte in Vietnam stattfinden,
  • wie hoch die lokale Wertschöpfung ist,
  • welche zollrechtliche Ursprungseigenschaft das Endprodukt besitzt,
  • und ob das Geschäftsmodell auch bei höheren US-Zöllen noch rentabel wäre.

Eine reine Endmontage chinesischer Komponenten kann in Zukunft deutlich riskanter werden. Je stärker dagegen Entwicklung, Produktion, Qualitätskontrolle, Personal, Maschinen und Wertschöpfung tatsächlich in Vietnam verankert sind, desto belastbarer ist das Modell.

Für Unternehmen, die überwiegend in die EU, nach Vietnam oder in andere ASEAN-Staaten verkaufen, fällt dieses Risiko geringer aus. Für Firmen mit einem starken US-Geschäft gehört eine belastbare Zoll- und Ursprungskalkulation dagegen an den Anfang jeder Investitionsprüfung.

3. Das Freihandelsabkommen mit der EU ist ein realer Wettbewerbsvorteil

Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Vietnam ist seit August 2020 in Kraft. Es sieht den schrittweisen Abbau von rund 99 Prozent der Zölle vor und verbessert den Zugang zu Dienstleistungen, öffentlichen Beschaffungen und verschiedenen vietnamesischen Marktsegmenten.

Für deutsche Unternehmen kann das Abkommen einen erheblichen Vorteil gegenüber Wettbewerbern aus Ländern ohne vergleichbares Handelsabkommen darstellen.

Dieser Vorteil entsteht jedoch nicht automatisch.

Entscheidend sind die produktspezifischen Ursprungsregeln. Ein in Vietnam montiertes Produkt gilt nicht zwangsläufig als vietnamesisches Ursprungsprodukt. Werden zu viele Komponenten aus Drittstaaten eingeführt oder finden in Vietnam nur geringfügige Bearbeitungsschritte statt, kann der Zollvorteil entfallen.

Mehr als die Hälfte der international tätigen europäischen Unternehmen in Vietnam berichtet inzwischen von wachsenden Schwierigkeiten bei der Einhaltung und Dokumentation von Ursprungsregeln.

Besonders problematisch sind häufig:

  • fehlende Lieferantenerklärungen,
  • unvollständige Nachweise ausländischer Zulieferer,
  • wechselnde Vorproduktquellen,
  • fragmentierte Lieferketten,
  • unklare Zolltarifnummern,
  • und eine unzureichende Dokumentation der tatsächlichen Verarbeitungsschritte.

Die wirtschaftliche Bewertung eines Vietnam-Projekts darf deshalb nicht nur auf Produktionskosten beruhen. Sie muss auf Stücklistenebene zeigen, welche Zölle tatsächlich anfallen und welche Präferenzregeln eingehalten werden können.

Der Zollvorteil des Freihandelsabkommens ist kein Geschenk. Er ist das Ergebnis funktionierender Compliance.

4. Vietnam steigt technologisch auf

Vietnam will sich von arbeitsintensiver Montage zu höherwertiger industrieller Produktion entwickeln. Im Mittelpunkt stehen Elektronik, Halbleiter, künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Infrastruktur, Forschung und Entwicklung.

Ein deutliches Signal ist der geplante Bau eines Halbleiter-Testwerks durch Samsung in Thai Nguyen. Die Investition soll rund 1,5 Milliarden US-Dollar umfassen. Bereits heute betreiben internationale Technologiekonzerne große Produktions-, Test- und Entwicklungsstandorte im Land.

Für deutsche Unternehmen liegen die Chancen nicht nur in eigenen Großfabriken. Häufig sind die aussichtsreicheren Positionen entlang der industriellen Wertschöpfungskette zu finden:

Präzisionsmaschinen, Sensorik, Messtechnik, Reinraumtechnik, industrielle Klimatechnik, Robotik, Fördertechnik, Spezialwerkstoffe, Qualitätskontrolle, Wartung, industrielle Software und technische Ausbildung werden zunehmend benötigt.

Hier besitzt der deutsche Mittelstand einen strukturellen Vorteil. Vietnamesische Hersteller müssen Produktivität und Qualität steigern, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Deutsche Unternehmen liefern genau jene Technologien, mit denen Ausschuss reduziert, Energie gespart, Prozesse automatisiert und Produktionsstandards erhöht werden können.

Vietnam ist deshalb nicht nur als Produktionsstandort interessant. Das Land wird zunehmend zu einem Absatzmarkt für deutsche Investitionsgüter und industrielle Dienstleistungen.

5. Energie ist keine Nebenkostenposition, sondern eine Standortfrage

Der vietnamesische Strombedarf wächst mit der Industrie, den Städten, der Digitalisierung und dem steigenden Lebensstandard. Gleichzeitig muss das Land seine Energieversorgung modernisieren und zuverlässiger gestalten.

Für Investoren entstehen daraus sowohl Chancen als auch Risiken.

Zu den Chancen gehören Netzausbau, Speichertechnik, industrielle Solaranlagen, Energieüberwachung, effiziente Motoren, Pumpen, Kühlsysteme, Smart Grids und Lösungen für das betriebliche Lastmanagement. Auch Direktstromlieferverträge zwischen erneuerbaren Energieerzeugern und großen Stromverbrauchern werden regulatorisch weiterentwickelt.

Deutsche Unternehmen aus den Bereichen Energieeffizienz, Elektrotechnik, Umwelttechnik und industrielle Infrastruktur treffen daher auf einen erheblichen Bedarf.

Auf der anderen Seite haben frühere Stromengpässe gezeigt, dass die Versorgung nicht an jedem Standort als selbstverständlich betrachtet werden darf. Zusätzlich haben Auseinandersetzungen um rückwirkend veränderte Vergütungen für Wind- und Solarprojekte Zweifel an der regulatorischen Verlässlichkeit einzelner Investitionsmodelle ausgelöst.

Für ein produzierendes Unternehmen reicht es deshalb nicht, sich die theoretische Anschlussleistung eines Industrieparks bestätigen zu lassen.

Vor Vertragsabschluss müssen mindestens folgende Punkte geklärt werden:

Wie stabil ist das lokale Netz? Wie viel Leistung steht tatsächlich zur Verfügung? Wer trägt die Kosten eines notwendigen Netzausbaus? Gibt es Notstromsysteme? Ist eine spätere Kapazitätserweiterung gesichert? Welche Möglichkeiten bestehen für eigene Solaranlagen, Speicher oder einen direkten Strombezug?

Eine günstige Fläche kann sich als teurer Fehlstandort erweisen, wenn die Produktion regelmäßig eingeschränkt wird oder die geplante Erweiterung am fehlenden Stromanschluss scheitert.

6. Der Infrastrukturboom schafft einen eigenen Investitionsmarkt

Vietnam investiert massiv in Straßen, Bahnstrecken, Flughäfen, Häfen, Energieversorgung und städtische Infrastruktur. Das Land muss jahrzehntelange Investitionsrückstände aufholen und gleichzeitig das Wachstum seiner Industriezentren bewältigen.

Zu den strategischen Projekten gehört die neue Bahnverbindung von der chinesischen Grenze über Hanoi zum Hafen von Hai Phong. Auch Flughäfen, Schnellstraßen, Häfen und innerstädtische Verkehrssysteme werden ausgebaut.

Für deutsche Unternehmen eröffnen sich dadurch Geschäftschancen in zahlreichen Bereichen:

Bahntechnik, Signaltechnik, Elektrifizierung, Bau- und Projektmanagement, Hafenanlagen, Lagerautomatisierung, Fördertechnik, Kühlketten, Verkehrsleitsysteme, Gebäudetechnik und digitale Logistiklösungen werden benötigt.

Der Infrastrukturboom sollte dennoch nicht mit garantierten Aufträgen verwechselt werden. Viele Projekte leiden unter langwierigen Grundstücksfreigaben, komplexen Ausschreibungen, Finanzierungsfragen und Verzögerungen bei der Umsetzung.

Unternehmen müssen daher klar unterscheiden zwischen politisch angekündigten Projekten, finanzierten Projekten, vergebenen Projekten und tatsächlich begonnenen Bauvorhaben.

Für die Standortwahl gilt ebenfalls: Entfernungsangaben auf Karten sind wenig aussagekräftig. Entscheidend sind reale Fahrzeiten zum Hafen, zum Flughafen, zu den wichtigsten Kunden und zu den relevanten Zulieferern.

Eine vermeintlich günstige Fabrikfläche kann durch Staus, Mautkosten und unzuverlässige Transporte dauerhaft an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

7. Die Verwaltungsreform verändert Zuständigkeiten und Standorte

Vietnam hat seine Verwaltungsstruktur grundlegend umgebaut. Seit Juli 2025 verfügt das Land nur noch über 34 Provinzen und regierungsunmittelbare Städte statt zuvor 63 Einheiten. Gleichzeitig wurde die Verwaltung auf ein zweistufiges Modell aus Provinz- und Gemeindeebene umgestellt.

Langfristig soll diese Reform die Verwaltung effizienter machen, Entscheidungswege verkürzen und regionale Strukturen vereinheitlichen.

Kurzfristig entstehen jedoch neue Unsicherheiten.

Zuständigkeiten wurden verlagert, Behörden zusammengelegt und Verwaltungsbezeichnungen geändert. Genehmigungen, Grundstücksdokumente, Steuerakten und Ansprechpartner können heute bei anderen Stellen liegen als noch vor wenigen Jahren.

Für Investoren bedeutet dies, dass ältere Standortinformationen nur eingeschränkt verlässlich sind. Förderzusagen, Genehmigungsverfahren und regionale Zuständigkeiten müssen auf Grundlage der neuen Verwaltungsstruktur geprüft werden.

Das Problem liegt weniger in den nationalen Gesetzen als in ihrer praktischen Anwendung. Europäische Unternehmen nennen regulatorische Verzögerungen, uneinheitliche Auslegungen und eine schwer vorhersehbare Steuerverwaltung weiterhin als wichtigste Investitionshindernisse.

Vietnam reformiert schnell. Für ausländische Unternehmen bedeutet diese Geschwindigkeit allerdings auch eine hohe laufende Compliance-Belastung.

Politische Reformbereitschaft ist positiv. Sie ersetzt aber keine rechtssichere Umsetzung im konkreten Projekt.

Vietnam 2026 - Wirtschaftsthemen für deutsche Unternehmer

Vietnam 2026 – Wirtschaftsthemen für deutsche Unternehmer

8. Fachkräfte sind verfügbar – qualifizierte Fachkräfte bleiben knapp

Vietnam verfügt über eine große und vergleichsweise junge Erwerbsbevölkerung. Das ist ein wichtiger Standortvorteil. Dennoch sollten deutsche Unternehmer nicht davon ausgehen, jederzeit ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu niedrigen Löhnen einstellen zu können.

Besonders gesucht sind Ingenieure, Techniker, Produktionsleiter, erfahrene Vertriebsmitarbeiter, Qualitätsmanager, Softwareentwickler und Führungskräfte mit internationaler Erfahrung.

38 Prozent der europäischen Unternehmen zählen den Fachkräftemangel inzwischen zu ihren größten operativen Herausforderungen.

In industriellen Ballungsräumen konkurrieren zahlreiche internationale Unternehmen um dieselben Mitarbeiter. Wer nur ein geringfügig höheres Gehalt bietet, kann Personal gewinnen – aber ebenso schnell wieder verlieren.

Erfolgreiche deutsche Unternehmen bauen deshalb eigene Ausbildungs- und Weiterbildungsstrukturen auf. Sie investieren in technische Akademien, duale Ausbildungsmodelle, Führungskräfteentwicklung und klare Karrierewege.

Gerade hier kann deutsche Unternehmenskultur zu einem Wettbewerbsvorteil werden. Verlässlichkeit, systematische Ausbildung, Arbeitssicherheit und transparente Entwicklungsmöglichkeiten sind für qualifizierte vietnamesische Mitarbeiter attraktiv.

Der Aufbau einer stabilen Belegschaft sollte jedoch von Beginn an in die Investitionsrechnung einfließen. Rekrutierung, Training, Fluktuation und Managementaufwand sind reale Kosten.

9. Digitalisierung eröffnet Chancen – und erhöht die Compliance-Anforderungen

Vietnam entwickelt seine digitale Wirtschaft mit hoher Geschwindigkeit. E-Commerce, digitale Zahlungen, Cloudlösungen, künstliche Intelligenz, Softwareentwicklung und industrielle Digitalisierung gewinnen an Bedeutung.

Für deutsche Anbieter ergeben sich Chancen bei ERP-Systemen, Produktionssteuerung, Maschinenanbindung, Cybersecurity, Identitätsmanagement, Qualitätssicherung und Rechenzentrumstechnik.

Gleichzeitig ist am 1. Januar 2026 ein neues Gesetz zum Schutz personenbezogener Daten in Kraft getreten. Es betrifft nicht nur vietnamesische Unternehmen, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch ausländische Firmen, die Daten vietnamesischer Personen verarbeiten.

Damit werden Fragen relevant, die bei einer klassischen Markteintrittsplanung häufig zu spät behandelt werden:

Wo liegen Kunden- und Mitarbeiterdaten? Welche Informationen werden nach Deutschland übertragen? Welche Cloudanbieter werden eingesetzt? Wer darf auf die Daten zugreifen? Welche Einwilligungen und Dokumentationen sind notwendig? Wie sind lokale Dienstleister vertraglich eingebunden?

Datenschutz und Cybersecurity gehören deshalb bereits in die Planungsphase. Sie dürfen nicht erst nach Gründung der Gesellschaft oder Einführung der IT-Systeme geprüft werden.

10. Förderungen sind interessant – aber keine Investitionsthese

Vietnam bietet Steuer- und Investitionsanreize für bestimmte Branchen, Regionen und Projektgrößen. Besonders gefördert werden unter anderem Hochtechnologie, Forschung, Halbleiter, Innovation, Umwelttechnik und ausgewählte industrielle Projekte.

Zu den möglichen Instrumenten gehören reduzierte Unternehmenssteuersätze, zeitlich begrenzte Steuerbefreiungen, Vergünstigungen bei Grundstückskosten, Importerleichterungen und projektbezogene Unterstützungsleistungen.

Die genaue Förderfähigkeit hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab. Branche, Standort, Investitionsvolumen, Technologie, Mitarbeiterzahl und tatsächliche Projektausgestaltung können entscheidend sein.

Großzügige Präsentationen eines Industrieparks sollten daher niemals die alleinige Grundlage einer Kalkulation bilden. Förderzusagen müssen rechtlich geprüft, schriftlich dokumentiert und in realistischen Szenarien bewertet werden.

Vor allem sollte ein Projekt auch ohne maximale Förderung wirtschaftlich tragfähig sein.

Subventionen können eine gute Investition verbessern. Sie können aus einer schlechten Investition keine gute machen.

11. Geistiges Eigentum muss vor dem Markteintritt geschützt werden

Für deutsche Technologie- und Markenunternehmen ist der Schutz geistigen Eigentums ein zentrales Thema. Europäische Firmen berichten weiterhin von Problemen bei Registrierung, Durchsetzung und Streitbeilegung.

Wer seine Marke, sein Design oder seine Technologie erst registriert, nachdem ein lokaler Partner oder Wettbewerber aktiv geworden ist, befindet sich häufig in einer schwachen Position.

Vor der ersten größeren Marktaktivität sollten deshalb Marken, relevante Domains, Patente und Designs geprüft und gegebenenfalls in Vietnam registriert werden.

Auch Verträge müssen an die lokale Rechtslage angepasst werden. Eine aus Deutschland übernommene Geheimhaltungsvereinbarung oder ein allgemeiner Liefervertrag bietet nicht automatisch ausreichenden Schutz.

Besonders sensibel sind der Zugang zu Zeichnungen, Software, Fertigungsparametern, Kundenlisten und technischen Prozessdaten. Unternehmen sollten frühzeitig festlegen, welche Informationen lokal benötigt werden und welche Teile des Know-hows in Deutschland verbleiben.

Ein Joint Venture ist ebenfalls kein Ersatz für Schutzrechte und kontrollierte Informationsprozesse.

12. Vietnam ist zunehmend auch ein Absatzmarkt

Vietnam darf nicht nur als verlängerte Werkbank betrachtet werden. Mit mehr als 100 Millionen Einwohnern, wachsenden Städten, steigenden Einkommen und einer jungen Konsumentenschicht entwickelt sich ein bedeutender Binnenmarkt.

Interessante Bereiche sind unter anderem Medizintechnik, Lebensmittelverarbeitung, Verpackung, Kühltechnik, Wasseraufbereitung, Gebäudetechnik, berufliche Bildung und ausgewählte Premiumprodukte.

Auch industrielle Kunden investieren stärker in Qualität, Energieeffizienz und Automatisierung.

Der Markteintritt ist dennoch anspruchsvoll. Deutsche Qualität allein erzeugt noch keinen Absatz. Preispositionierung, Vertrieb, Service, Ersatzteilversorgung und lokale Beziehungen sind häufig entscheidender als technische Überlegenheit.

Ein guter Vertriebspartner kann den Markteintritt beschleunigen. Ein ungeeigneter Exklusivpartner kann den Markt dagegen über Jahre blockieren.

Exklusivität sollte deshalb nur gegen messbare Leistungen vergeben werden: Mindestumsätze, konkrete Investitionen, qualifiziertes Personal, Kundenzugang, Lagerhaltung und transparente Berichterstattung.

Welche deutschen Unternehmen Vietnam besonders genau prüfen sollten

Vietnam ist 2026 vor allem für Unternehmen interessant, die einen langfristigen strategischen Grund für den Standort besitzen.

Dazu gehören Maschinenbauer, Automatisierungsunternehmen, Elektronikzulieferer, Hersteller von Sensorik und Messtechnik, Energie- und Umwelttechnikanbieter, Logistikunternehmen, Anbieter industrieller Software sowie Firmen aus den Bereichen Lebensmittelverarbeitung, Medizintechnik und technische Bildung.

Auch Unternehmen mit einer hohen Beschaffungsabhängigkeit von China sollten Vietnam untersuchen. Dabei geht es nicht zwingend um eine sofortige Verlagerung. Bereits ein zweiter Lieferant, eine alternative Montagekapazität oder ein zusätzlicher regionaler Vertriebskanal kann die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens erhöhen.

Weniger überzeugend ist Vietnam für Geschäftsmodelle, die ausschließlich auf niedrigsten Löhnen beruhen, keine lokale Managementstruktur aufbauen wollen oder auf vollständig standardisierte Verwaltungsprozesse angewiesen sind.

Vietnam belohnt Unternehmen, die operativ präsent sind, Beziehungen pflegen und Entscheidungen vor Ort kontrollieren. Eine aus Deutschland ferngesteuerte Gesellschaft ohne belastbares lokales Management ist dagegen anfällig.

Welche Region passt zu welchem Geschäftsmodell?

Nordvietnam: Hanoi, Bac Ninh, Thai Nguyen und Hai Phong

Der Norden eignet sich besonders für Elektronik, Halbleiterzulieferung, Präzisionsfertigung, Maschinenbau und China-nahe Lieferketten.

Hanoi ist der wichtigste Standort für Gespräche mit Ministerien, Verbänden, Banken und zentralen Behörden. In den umliegenden Industrieregionen befinden sich große Elektronik- und Produktionscluster.

Hai Phong bietet Zugang zu einem bedeutenden Hafen und entwickelt sich zu einem wichtigen Logistik- und Industriestandort.

Unternehmen, die Komponenten aus Südchina beziehen oder in technologieintensive Lieferketten eingebunden werden wollen, sollten Nordvietnam priorisieren.

Südvietnam: Ho-Chi-Minh-Stadt und Dong Nai

Der erweiterte Großraum Ho-Chi-Minh-Stadt ist das kommerzielle Zentrum des Landes. Hier befinden sich zahlreiche internationale Unternehmen, Banken, Beratungen, Vertriebsorganisationen und Dienstleister.

Die umliegenden Industriegebiete eignen sich für Maschinenbau, Konsumgüter, Logistik, Lebensmittelverarbeitung, Chemie, Verpackung und verschiedene Formen industrieller Produktion.

Dong Nai gewinnt zusätzlich durch neue Verkehrs- und Flughafeninfrastruktur an Bedeutung.

Für Unternehmen, die Vietnam zunächst als Absatzmarkt testen, einen Vertrieb aufbauen oder regionale Kunden betreuen wollen, ist der Süden häufig der pragmatischste Ausgangspunkt.

Zentralvietnam: Da Nang und der zentrale Küstenkorridor

Da Nang ist für Softwareentwicklung, Dienstleistungen, Tourismuszulieferung, ausgewählte Produktionsprojekte und saubere Technologien interessant.

Die Kosten können niedriger sein als in Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt. Gleichzeitig ist die Dichte an spezialisierten Zulieferern und internationalen Entscheidungsträgern geringer.

Zentralvietnam kann eine gute Alternative sein, wenn das Geschäftsmodell nicht auf große industrielle Cluster angewiesen ist oder gezielt qualifizierte digitale Fachkräfte gesucht werden.

Warum ein Unternehmerbesuch vor jeder Investition unverzichtbar ist

Vietnam lässt sich nicht seriös anhand von Präsentationen, Statistiken und Videokonferenzen beurteilen.

Industrieparks präsentieren in der Regel ihre besten Flächen, schnellsten Genehmigungswege und günstigsten Annahmen. Vertriebspartner überschätzen mitunter ihre Reichweite. Berater kennen nicht immer die Besonderheiten der jeweiligen Branche.

Eine Entscheidungsreise sollte deshalb keine allgemeine Delegationsreise mit überwiegend repräsentativen Terminen sein. Sie muss als strukturierte Due Diligence vorbereitet werden.

Eine belastbare Reise umfasst mindestens:

  1. Gespräche mit der AHK, europäischen Unternehmern und Firmen derselben Branche.
  2. Besuche bei mehreren Industrieparks mit unterschiedlichen Eigentümern.
  3. Interviews mit potenziellen Kunden, Lieferanten und Vertriebspartnern.
  4. Eine unabhängige rechtliche und steuerliche Erstprüfung.
  5. Gespräche mit Personalvermittlern über Gehälter, Verfügbarkeit und Fluktuation.
  6. Eine reale Prüfung von Strom, Wasser, Abwasser, Internet, Hochwasserrisiko und Logistik.
  7. Eine Kalkulation der Lieferkette anhand einer tatsächlichen Stückliste.

Die entscheidenden Gespräche finden häufig nicht in offiziellen Präsentationen statt, sondern mit Unternehmern, die bereits mehrere Jahre im Land tätig sind. Sie können erklären, wie lange Genehmigungen wirklich dauern, welche Personalkosten tatsächlich entstehen und wie Behörden lokale Vorschriften praktisch auslegen.

Für deutsche Staatsangehörige sind Aufenthalte von bis zu 45 Tagen derzeit grundsätzlich visumfrei möglich. Vor Reiseantritt müssen die Einreisebestimmungen dennoch erneut geprüft werden.

Die richtige Reihenfolge: besuchen, testen, skalieren

Für die meisten mittelständischen Unternehmen ist eine sofortige Großinvestition nicht der sinnvollste Einstieg.

Ein kontrolliertes Vorgehen reduziert Risiken:

Zunächst wird der Markt durch Kunden- und Lieferantengespräche geprüft. Anschließend kann ein Vertriebspartner, ein lokaler Mitarbeiter oder eine kleinere operative Einheit aufgebaut werden. Danach folgt gegebenenfalls eine Pilotproduktion, ein technisches Servicezentrum oder eine begrenzte Montage.

Erst wenn Personal, Kunden, Qualität, Behördenprozesse und Lieferketten im realen Betrieb funktionieren, sollte eine größere Produktionsinvestition erfolgen.

Diese Reihenfolge mag langsamer erscheinen. Tatsächlich verhindert sie, dass Kapital in Grundstücke, Gebäude und Maschinen gebunden wird, bevor die operativen Grundlagen bewiesen sind.

Vietnam gehört auf die strategische Landkarte deutscher Unternehmer

Vietnam ist 2026 kein risikofreier Standort. Verwaltungsprozesse bleiben anspruchsvoll, Fachkräfte werden knapper, die Energieversorgung muss sorgfältig geprüft werden und internationale Handelskonflikte können exportorientierte Geschäftsmodelle erheblich beeinflussen.

Gleichzeitig bietet kaum ein anderes Land eine vergleichbare Kombination aus Wirtschaftswachstum, industrieller Dynamik, regionaler Integration, großer Bevölkerung und politischem Modernisierungswillen.

Für deutsche Unternehmer ist Vietnam besonders interessant, wenn mehrere strategische Ziele miteinander verbunden werden:

  • Diversifikation von China,
  • Aufbau einer asiatischen Produktionsbasis,
  • Zugang zum ASEAN-Raum,
  • Nutzung des EU-Freihandelsabkommens,
  • Verkauf deutscher Technologie,
  • und Erschließung des vietnamesischen Binnenmarktes.

Die entscheidende Empfehlung lautet deshalb:

Vietnam sollte 2026 auf der Besuchsliste deutscher Unternehmer und Investoren weit oben stehen.

Eine Investitionsentscheidung sollte jedoch erst fallen, wenn fünf Fragen überzeugend beantwortet sind:

Gibt es belastbare Kunden oder Abnehmer? Stehen qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung? Ist die Energieversorgung gesichert? Funktionieren Ursprung und Zollmodell? Sind Genehmigungen, Verträge und Schutzrechte tatsächlich durchsetzbar?

Wer diese Fragen nicht nur auf dem Papier, sondern vor Ort beantwortet, kann in Vietnam einen strategisch wertvollen Standort aufbauen.

Wer dagegen lediglich niedrige Löhne, Steuervergünstigungen oder politische Wachstumsziele sieht, unterschätzt die operative Realität.

Vietnam ist kein Standort für passive Investoren. Es ist ein Standort für Unternehmer, die langfristig denken, lokal führen und konsequent umsetzen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. World Bank – Viet Nam Economic Update und Länderübersicht 2026 – Wirtschaftswachstum, Exportorientierung und strukturelle Herausforderungen. (Weltbank)
  2. EuroCham Vietnam – Business Confidence Index Q2 2026 – Geschäftsklima, Investitionsabsichten, regulatorische Hindernisse, Fachkräftemangel und Ursprungsregeln. (EuroCham)
  3. AHK Vietnam – German Expertise and Vietnamese Ambition – Deutsche Unternehmen, Arbeitsplätze, Investitionsabsichten und deutsch-vietnamesische Wirtschaftsbeziehungen. (vietnam.ahk.de)
  4. Europäische Kommission – Abkommen zwischen der EU und Vietnam – EVFTA, Zollabbau und Marktzugang. (Trade and Economic Security)
  5. Access2Markets – EU-Vietnam Free Trade Agreement – Ursprungsregeln, Ursprungsnachweise und produktspezifische Anforderungen. (EU Trade)
  6. Regierungsportal Vietnam – Reform der lokalen Verwaltung – Reduzierung auf 34 Provinzen und Städte sowie Einführung des zweistufigen Verwaltungsmodells. (en.baochinhphu.vn)
  7. Reuters – Samsung plant Halbleiter-Testwerk in Vietnam – Ausbau des vietnamesischen Halbleiter- und Elektronikstandorts. (Reuters)
  8. Reuters – Handelsgespräche und US-Untersuchungen – Aktuelle Handelsrisiken für vietnamesische Exporte in die USA. (Reuters)
  9. Baker McKenzie – Neue Regeln für Direktstromlieferverträge – Entwicklung des vietnamesischen DPPA-Regelwerks. (Baker McKenzie)
  10. Reuters – Konflikt um Vergütungen für erneuerbare Energien – Regulatorische Risiken bei Wind- und Solarprojekten. (Reuters)
  11. PwC – Vietnams neues Datenschutzgesetz – Personal Data Protection Law mit Wirkung zum 1. Januar 2026. (PwC Legal)
  12. Reuters – Bahnverbindung nach China und Infrastrukturinvestitionen – Ausbau von Bahn, Häfen und industrieller Logistik. (Reuters)
  13. KPMG Vietnam – Investment Support Fund – Fördermechanismen für strategische und technologieorientierte Investitionen. (KPMG)
  14. Auswärtiges Amt – Reise- und Sicherheitshinweise Vietnam – Aktuelle Einreisebestimmungen für deutsche Staatsangehörige. (Auswärtiges Amt)